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Vor dem Urteil und danach: Warum das Ende des Magdeburger Prozesses nicht das Ende der Verantwortung sein darf

📍Ort: Magdeburg, 25. Juni 2026

Der Prozess in Magdeburg ist nicht nur ein Verfahren gegen einen Täter; er ist ein Spiegelbild struktureller Sicherheitslücken, die wir bereits vom Breitscheidplatz kennen – und die in Sachsen-Anhalt bis heute nicht konsequent geschlossen wurden. Während der bevorstehende Wahlkampf die Aufmerksamkeit auf neue Schwerpunkte lenkt, dürfen die Lehren aus dem 21. PUA nicht in Vergessenheit geraten. Gerechtigkeit im Gerichtssaal ist eine Sache, politische Verantwortung für die Sicherheit und für das Leben der Betroffenen nach dem Prozess eine ganz andere.

VoT Germany-News-Justitia‑Statue als Symbol für Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit im Prozess Magdeburg

Foto: Justitia, Tingey; Unsplash

Die Dimension des Verfahrens

Hinter dem Urteil, das am morgigen Freitag verkündet wird, steht ein juristischer Prozess von enormem Ausmaß, der uns allen viel abverlangt hat. Um die Dimension der Aufarbeitung zu verdeutlichen, lassen sich einige Fakten aus der Prozessdokumentation festhalten: 

  • Der Prozess begann am 10. November 2025; die Urteilsverkündung am 26. Juni 2026 markiert den 41. Verhandlungstag.

  • Im Zuge der Aufarbeitung wurden 109 Zeugen und 8 Sachverständige – darunter Rechtsmediziner, Psychiater, Unfall- und Sprachsachverständige – gehört.

  • Die psychiatrischen Gutachter haben dabei bis zu 40 Betroffene einzeln begutachtet, um das Ausmaß der psychischen Belastungen zu erfassen.

  • Die Beteiligten haben sich durch rund 4.000 Seiten Akten gearbeitet, um den Tathergang und die Folgen detailliert zu beleuchten.

  • Besonders schwer wiegt die Zahl derer, die für ihr Recht kämpfen: 204 Betroffene haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen, vertreten durch rund 40 Rechtsanwälte.

  • Zudem wurden von 23 Betroffenen zivilrechtliche Ansprüche gegen den Angeklagten geltend gemacht, die zwischen 8.000 und 600.000 Euro liegen.

Quelle: Landgericht Magdeburg, Pressemitteilung vom 18.06.2026 („Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg: Öffentliche Verhandlungstermine“)

VoT Germany-News-Aktenstapel – Symbol für juristische Aufarbeitung und Dokumentation

Foto: Hohe Stapel von Akten und Dokumenten in einem Büro – Symbol für juristische Aufarbeitung und Beweisführung, Wesley Unsplash

Zwischen juristischem Schlusspunkt und langfristigem Neuanfang

Für die Justiz mag der Freitag ein Abschluss sein, doch für die Betroffenen beginnt erst dann die Phase, in der die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet. Wie im Beispiel das Plädoyer der Nebenklägerinnen Susanne, Frida und Lena Staab eindringlich verdeutlicht, hat der Angeklagte den Familien

„gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, gemeinsame Jahre und Zukunft genommen“

Rita Staab (als deren Opfer) wird als „Leerstelle gegenwärtig sein“.

Es ist wichtig zu betonen: Die juristische Gerechtigkeit ist noch nicht final gesprochen. Für die Betroffenen fordern wir eine Unterstützung, die nicht mit dem letzten Verhandlungstag endet. Sie brauchen keine „technische Verwaltung des Grauens“, sondern eine ehrliche Aufarbeitung.

VoT Germany-News-Stolperstein für Rita Staab in Magdeburg, gesetzt zum Gedenken durch ihre Tochter Susanne Staab

Foto: Stolperstein für Rita Staab in Magdeburg, VoT Germany, privat

Das Recht als Schutzschild – oder als Waffe gegen die Opfer?

Während wir auf das Urteil blicken, erleben wir in den Schriftsätzen der Verteidigung eine Haltung, die den Opferschutz konsequent ausblendet. Die Ablehnung sämtlicher Adhäsionsanträge durch die Verteidigung ist nicht nur ein juristischer Schachzug, sondern eine Belastung für die Betroffenen, die als sekundäre Viktimisierung einzustufen ist.

Die Verteidigung argumentiert rigide mit prozessualen Hürden, ohne dabei die Standards zu berücksichtigen, die das EU-Handbuch 2024 zur richterlichen Praxis und zum Opferschutz ausdrücklich fordert – einen Leitfaden, den wir bei VoT Germany zur Verfügung stellen. Die Strategie der Verteidigung ist dabei aus unserer Sicht als Versuch der Opferrechte-Aushöhlung zu werten:

  • Sekundäre Viktimisierung: Durch das Bestreiten von Verletzungen und das Infragestellen von Schmerzensgeldern werden die Opfer erneut belastet, was gegen die EU-Richtlinien 2012/29/EU (Art. 18–23) sowie die UN-Resolution A/RES/73/305 verstößt.
  • Verweigerung der Verantwortung: Die Verteidigung behauptet, eine Haftung sei „im Einzelfall“ zu komplex. Bei über 300 Verletzten und sechs Todesopfern ist jedoch eine strukturierte, gruppenbezogene Betrachtung zwingend erforderlich, um eine faktische Ungleichbehandlung zu vermeiden.
  • Unterbewertung seelischen Leids: Die Argumentation gegen Ansprüche von Hinterbliebenen ignoriert die evidente emotionale Bindung und den Schutzbedarf von Minderjährigen (§ 241 Abs. 2 BGB, Art. 24 EU-Grundrechtecharta).

Ein Urteil darf nicht dazu führen, dass die ökonomische und rechtliche Last bei den Betroffenen verbleibt, während der Täter seine Verteidigung auf Kosten ihrer Würde führt. Die Feststellung der Ersatzpflicht ist für die Rechtssicherheit unerlässlich – besonders dann, wenn langfristige Folgen noch nicht abschließend absehbar sind.

VoT Germany-News-Holzrichterhammer auf hellem Untergrund als Symbol für Recht und richterliche Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Prozess in Magdeburg

Foto: Tingey, Unsplash

Das System im Spiegel: Magdeburg, Breitscheidplatz und die verpassten Lehren

Während der Täter versucht, die Verantwortung von sich zu weisen, zeigt der Blick auf die Sicherheitsstrukturen gravierende Mängel. Der Verteidiger merkte an, dass der 21. PUA „erhebliche Mängel im Sicherheitskonzept“ und eine „fehlende Zusammenarbeit der zuständigen Behörden“ rügte.

VoT Germany-News-Tabelle Diese Grafik zeigt eine vergleichende Übersicht zentraler Sicherheitsaspekte zwischen den Erkenntnissen aus dem Untersuchungsausschuss zum Anschlag am Breitscheidplatz und der Situation in Sachsen‑Anhalt. Sie verdeutlicht Parallelen bei Defiziten im Informationsfluss, der Umsetzung von Sicherheitsstandards und der Frage zivilrechtlicher Haftung. VoT Germany dokumentiert diese Analyse im Kontext des Magdeburger Prozesses, um strukturelle Verantwortung und Reformbedarf sichtbar zu machen.

Ein Wahljahr ohne Ausreden: Sicherheit und Betreuung sichern

Die politische Bringschuld vor der Landtagswahl ist groß. Auf Basis unserer Arbeit als VoT Germany formulieren wir folgende Dringlichkeiten:

Die Erkenntnisse des 21. Parlamentarischen Untersuchungsauschusses zum Magdeburger Anschlag dürfen nicht im politischen Sommerloch verschwinden. Wenn der Staat einräumt, dass Sicherheitsmängel existieren, muss er auch für die Folgen einstehen. Die Nebenklägerinnen Staab fordern zu Recht: „Ein Urteil darf das Geschehene nicht kleiner machen, als es war“. Als Organisation werden wir die Entwicklung auch nach der Urteilsverkündung eng begleiten und fordern eine Sicherheitsagenda, die nicht bei der Wahl endet.

Ein Urteil darf das Geschehene nicht kleiner machen, als es war“

Rita Staab, Hinterbliebene

Mahnung an uns alle

Was bleibt, wenn das Urteil gesprochen ist? Diese Frage beantworteten die Nebenklägerinnen Staab in ihrem Plädoyer so treffend, dass wir ihre Worte hier für sich stehen lassen möchten, als Mahnung an uns alle: 

„..Wenn dieses Verfahren vor diesem Gericht endet, werden die Akten noch lange nicht geschlossen sein. Für die Familie Staab aber endet mit dem letzten Sitzungstag nichts.

Denn ein Strafprozess hat einen Anfang und ein Ende. Trauer hat das nicht. Sie folgt keinem Terminplan, keiner Ladung, keiner Urteilsverkündung. Sie bleibt, wenn die Kameras verschwunden sind, wenn die Stühle im Saal leer sind und wenn die Öffentlichkeit längst weitergezogen ist.

Es gibt kein Aktenzeichen für Trauer. Es gibt kein Urteil, das eine Mutter zurückbringt. Was bleibt, ist ein leerer Platz: am Weihnachtstisch, bei Geburtstagen, bei Familienfeiern, in den kleinen Augenblicken, in denen eine Stimme fehlt, die früher selbstverständlich da war.

Dieser Platz ist nicht leer, weil das Schicksal es so wollte. Er ist leer, weil der Angeklagte eine Entscheidung getroffen hat: Menschen kaltblütig zu ermorden, einen Ort des Friedens in einen Ort des Terrors zu verwandeln und seine eigene Botschaft über das Leben anderer Menschen zu stellen.

Am Ende dieses Verfahrens bittet die Familie Staab nicht um Mitleid. Sie bittet um Gerechtigkeit. Sie bittet darum, dass die Opfer nicht hinter den Ausflüchten des Täters verschwinden, dass die Wahrheit klar ausgesprochen wird und dass Verantwortung dort bleibt, wo sie hingehört: bei dem Mann, der sie geschaffen hat – und bei den Strukturen, soweit sie diese Tat begünstigt haben…“

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Offizielle Informationen zum Prozess

Landgericht Magdeburg

21 Ks 4/25 – 111 Js 9/24 1. große Strafkammer – Schwurgerichtskammer

In dem Strafprozess wird am Freitag, den 26. Juni 2026 ab 09.30 Uhr das Urteil verkündet

Ort der Verhandlung

ist das Landgericht Magdeburg, Nebenstelle, Am Jerichower Platz (B1/Ecke Herrenkrugstraße)

Den Prozess verstehen und einordnen

Da wir wissen, wie wichtig es ist, den Überblick zu behalten, ohne sich jedes Detail immer wieder neu ins Gedächtnis rufen zu müssen, haben wir hier eine Übersicht für Dich zusammengestellt:

Der Verlauf des Prozesses: Eine hilfreiche, chronologische Zusammenfassung aller Aussagen und Plädoyers findest Du im Überblick in der Chronologie des MDR.

VoT Germany-News-Prozesshalle am Jerichower Platz in Magdeburg mit gelb umrahmtem Glaskubus – Ort des Strafverfahrens im Magdeburger Prozess

Foto: Sicherheitsglas‑Kabine für den Angeklagten im Strafverfahren zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt, VoT Germany


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Foto: Landtag Sachsen‑Anhalt in Magdeburg, Sitz des 21. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses, VoT Germany


VoT Germany-Logo-Offizielles Logo von VoT Germany – Victims of Terrorism Germany e.V.

Am morgigen Freitag wird das Urteil zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt verkündet. Wir wissen, wie viel dieser Tag für Dich bedeutet. Für die Justiz endet damit ein juristischer Prozess, für Dich und uns alle ist es vor allem ein Tag der Anspannung und des Innehaltens. Wir möchten, dass Du weißt: Wir stehen an Deiner Seite – nicht nur heute, sondern auch in der Zeit, die nach diesem Urteil vor uns liegt.

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#StärkeImMiteinander   #StrengthInUnity   #SayAllNames

VoT Germany-News-Kind liegt zusammengerollt im Lichtstreifen eines dunklen Raums – Symbol für Angst und innere Verletzlichkeit

Foto: Symbol für Angst und innere Isolation, Mali Desha, Unplash


Eine Hinterbliebene beschrieb uns ihre Gefühlslage kurz vor diesem Termin so:

„Seit vielen Monaten fehlen mir diesmal einfach die Worte. Ich fühle nichts außer Angst, und einer unglaublichen Leere.“


Dein Recht auf Gehör und Unterstützung

Wir begleiteten dieses Verfahren eng und sehen, wie kräftezehrend dieser Weg für Dich war. Wir fordern eine Unterstützung, die für Dich da ist – auch dann, wenn das öffentliche Interesse nach der Urteilsverkündung abnimmt.

Dass es überhaupt zu dieser kritischen Aufarbeitung gekommen ist, war kein Selbstläufer. Bereits zu Beginn des 21. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses haben wir in unserer Einschätzung zur Transparenz im Untersuchungsausschuss deutlich gemacht: Nur durch klare Protokolle und eine echte Einbeziehung der Betroffenen kann Vertrauen entstehen. Wir haben seit dem ersten Tag für eine maximale Transparenz gekämpft und gefordert, dass die Behörden ihre Arbeit offenlegen. Unser damaliges Fazit gilt heute, zum Ende des Strafprozesses, mehr denn je:

„Eine umfassende Transparenz in öffentlichen Ausschusssitzungen ist unerlässlich für das Vertrauen der Gesellschaft in die politischen Prozesse. […] VoT Germany fordert, dass endlich auch im Sinne der Betroffenen agiert wird und die notwendigen Reformen zeitnah umgesetzt werden.“

Es ist für uns ein zentrales Anliegen, dass dieser Kampf um Aufklärung nicht mit dem Urteil endet. Wir bleiben dran.


Medienanfragen zur Betroffenen-Perspektive und zur Einordnung der PUA-Erkenntnisse richten Sie bitte an VoT Germany:

presse@vot-germany.org 


VoT Germany-Gedenken-

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, aber leben muss man es vorwärts.

Søren Kierkegaard